Seit vielen Jahren arbeite ich mit Menschen, die einen problematischen oder abhängigen Umgang mit Alkohol entwickelt haben – darunter viele beruflich erfolgreiche Männer und Frauen. Viele sind gut ausgebildet, tragen Verantwortung, sind nach außen leistungsfähig – und ringen gleichzeitig im Verborgenen mit ihrem Konsum.
In meiner Praxis biete ich diskrete, individuelle Suchtberatung auf Selbstzahlerbasis an. Die Erfahrungen aus dieser Arbeit zeigen: Alkoholprobleme machen nicht vor Position, Einkommen oder sozialem Status halt – aber es gibt Wege, einen neuen Umgang damit zu finden.
Wenn Alkohol zum „funktionalen Begleiter“ wird
Bei vielen Betroffenen entsteht der problematische Konsum schleichend – oft in Phasen hohen Drucks. Alkohol wird nach und nach zu einem Mittel, um Stress, Anspannung oder emotionale Erschöpfung zu überdecken. Nach außen wirkt alles geordnet, Termine werden eingehalten, Führungsverantwortung wahrgenommen – innerlich wächst jedoch die Abhängigkeit von dieser scheinbaren Entlastung.
In der Beratung geht es darum, diese Dynamik sichtbar zu machen, alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln und passende Schritte hin zu einer stabileren, alkoholfreieren Lebensweise zu planen. Dabei stehen Vertraulichkeit, Respekt und Realitätsnähe im Vordergrund – ohne moralischen Zeigefinger, aber mit klaren Blick auf Belastungen und Risiken.
Alkoholtypen im Berufsleben:
Im beruflichen Kontext zeigen sich häufig zwei Muster: phasenweise exzessives Trinken und scheinbar „funktionierender“ regelmäßiger Konsum. Beide bleiben oft lange unauffällig und bergen dennoch erhebliche Risiken für Gesundheit, Beziehungen und Karriere.
Der sogenannte Rausch‑ oder Binge‑Trinker wirkt über längere Zeit kontrolliert, bis ein Auslöser zu massivem Konsum führt. Häufig geschieht dies auf Feiern, Geschäftsessen oder an Wochenenden, wenn Grenzen verschwimmen und die Kontrolle über Menge und Dauer verloren geht.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis ist ein Klient aus der Finanzbranche, der vor allem bei geschäftlichen Anlässen „über die Stränge schlug“. Zwischen solchen Phasen trank er wenig oder gar nicht, konnte aber in bestimmten Situationen kaum aufhören. In der Beratung wurde mit Dokumentation und Reflexion seines Konsums gearbeitet, um Auslöser zu erkennen und alternative Strategien für kritische Situationen zu entwickeln.
Der „funktionierende“ Trinker nutzt Alkohol vor allem zur Entspannung nach anstrengenden Arbeitstagen. Der Konsum – etwa mehrere Gläser Wein am Abend – wird oft als normale Stressbewältigung erlebt und bleibt im beruflichen Umfeld lange unerkannt. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass Alkohol unverzichtbar wird, um „runterzukommen“.
So berichtete eine Klientin in verantwortlicher Position, dass der Feierabend fast täglich von einer Flasche Wein begleitet war. Ihr Ziel war zunächst eine spürbare Reduktion.
Im Verlauf der Gespräche entschied sie sich, weiterführende Hilfe – einschließlich einer stationären Behandlung – in Anspruch zu nehmen, um eine dauerhafte Veränderung zu erreichen.
Für beruflich stark eingespannte Menschen kann ein diskreter Beratungsrahmen helfen, den eigenen Konsum ehrlich zu betrachten und passende Schritte zu planen. Dazu gehören Veränderungen im Trinkverhalten und – bei Bedarf – medizinische oder therapeutische Unterstützung. Frühzeitig Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein aktiver Beitrag zu Gesundheit und beruflicher Stabilität.
Viele Menschen versuchen lange, ihren Alkoholkonsum allein zu verändern. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass ein abhängigkeitsnaher Umgang mit Alkohol ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem ist – keine Frage von Willenskraft oder Disziplin. Unterstützung anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schritt, Verantwortung für sich und das eigene Umfeld zu übernehmen.
In der Praxis steht ein individueller und vertraulicher Rahmen im Mittelpunkt:
Ziele können je nach Situation unterschiedlich aussehen: von Reduktion über kontrollierteres Trinken bis hin zur Abstinenz. Gemeinsam wird geklärt, was für Sie realistisch und sinnvoll ist, und welche Schritte dazu passen. Die Begleitung findet ambulant statt; wenn nötig, kann ergänzend über weiterführende medizinische oder stationäre Angebote gesprochen und an entsprechende Stellen verwiesen werden.